nebentaetige

Die „Nebentätigen“

II Ein „dritter“ Arbeitsmarkt zum Wohle der Gemeinschaft

Zunächst ein kurzer Blick in unsere heutigen Sozialstrukturen: Die Großfamilie hat sich bekanntlich längst überlebt, die Generationen wohnen weitgehend getrennt voneinander. Isolation ist die Folge. Mit ihr nimmt die Hilfsbedürftigkeit zu. Immer mehr Menschen beklagen außerdem wachsende Bindungslosigkeit und mangelnde Zuwendung. Diese suchen sie immer öfter in neuen Formen des Zusammenlebens.

Jüngste Aktivitäten von Baugenossenschaften in Zürich und Wien zeigen solche neuen Perspektiven für das Zusammenleben in urbanen Räumen. Sie verabreden und organisieren die Bedürfnisse der späteren Bewohner vorab, so dass neue Anforderungen in die Planung der Wohnhäuser einfließen können. Eines dieser Bedürfnisse ist es, die jüngere Generation zu entlasten und die ältere in gesellschaftlicher Verantwortung zu halten. Man kann dies als modernen Lastenausgleich sowie als Antwort auf gesellschaftliche Umwälzungen sehen.

Die Generation 55+ erfreut sich heute oftmals noch eines weiteren Lebensabschnitts von der Dauer des ganzen Berufslebens. Sie verfügt über Erfahrungen der unterschiedlichsten Art, ist vollkommen unabhängig und sie hat die Möglichkeit, einen weiteren wichtigen Faktor einzubringen: Zeit. Hier schlummert ein Potenzial, das nach Meinung des Architektur-Visionärs Rudolf organisiert gehört. Die älteren Menschen selbst sind nach seiner Erfahrung zu großen Teilen bereit, sich dieser Aufgabe zu stellen.

Die sozusagen zwangsweise im Ruhestand Befindlichen richten damit den dritten Arbeitsmarkt der „Nebentätigen“ ein, der unterhalb des Mindestlohns des ersten liegt und diesen nicht beeinträchtigt. Die „Nebentätigen“ nehmen sich der betrieblichen Funktionen des Quartiers an, technischen, sozialen und wirtschaftlichen, und bauen sie zu einem Dienstleistungs-Unternehmen für das ganze Quartier aus. Ihr „Nebentätigen-Büro“ wird zur Anlaufstelle und Drehscheibe für jeden Bedarf des Quartiers. Mit benachbarten kommunikativen Angeboten wie Café, Kita, Wäscherei, Verwaltung, Beratungsbüros usw. ist dieses Büro zentraler Ort der Begegnung und Mittelpunkt des ganzen Quartiers.

Die Kosten für die Räume sind in den Herrenberg Projekten „Weitblick“ sowie „Stadtwerk“ und auch beim Stuttgarter socialarchitecture Projekt „Olga-Areal“ bereits in den Baukosten der socialarchitecture enthalten. Obwohl diese weit unter den vergleichbaren Preisen kommerzieller Bauträger liegen. Die Bezahlung der „Nebentätigen“ erfolgt aus den Ersparnissen des Passivhaus Energiekonzepts. Schon aus der Abschöpfung der Hälfte der eingesparten Wärmekosten kommen so rund 42 Euro pro 100 m² Wohnfläche und Monat zusammen. Genug, um beispielsweise im „Stadtwerk“ in Herrenberg sechs „Nebentätige“ mit je 400 Euro pro Monat zu finanzieren. Was für den einen oder anderen „Nebentätigen“ im Falle einer eher schmalen Rente ein willkommenes Zusatzeinkommen bedeutet.