erfahrungsbericht

Eine Bewohnerin erzählt

II Wohnen und Leben im Haus „Weitblick“

In Herrenberg, der schönen Fachwerkstadt zwischen Schwarzwald und Stuttgart, steht in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums das Haus „Weitblick“. In 28 Wohneinheiten, davon 24 Eigentums- und 4 Mietwohnungen, genießen hier knapp sechzig Bewohner seit 2011 die Vorzüge der „socialarchitecture“. Genauer gesagt sind hier derzeit sechs Kinder, acht Jugendliche, fünfzehn Erwachsene unter 50, siebenundzwanzig Erwachsene zwischen 50 und 70 sowie drei über 70-Jährige zuhause.

Hier der Erfahrungsbericht einer der ersten „Pionierinnen“ der socialarchitecture:

„Vor zehn Jahren gehörten die Initiatoren unseres Projekts Weitblick zur Generation der Vierziger, die noch berufstätig ist, deren Kinder jugendlich werden oder schon sind, und die um sich herum beobachten kann, wie Nachbarn und eigene Eltern zunehmend in Isolation geraten und vereinsamt alt werden. Wir sind auch die Generation, die schon in ihrer Jugend großes Interesse und Engagement für gesellschaftliche Belange aufbrachte und sich einmischte. Wir sind die Nachkriegs-Generation, die gelernt hat, Initiative zu ergreifen und das Leben ganz neu entsprechend ihren Erkenntnissen, Wertvorstellungen und Wünschen zu gestalten.

Unsere Eltern hatten uns an ihren Fehlern lernen lassen und uns war klar geworden: eine zukunftsweisende Lebenseinstellung und Lebensgestaltung ist uns grundlegend wichtig, im eigenen und im Interesse der nach uns kommenden Generationen. „Wie wollen wir in der zweiten Hälfte unseres Lebens wohnen? Welche Alternativen gibt es zur individualisierten, abgrenzenden, die Gefahr der Vereinsamung in sich bergenden herkömmlichen Wohnkultur?“ Diese Frage diskutierten wir auf Festen und Spaziergängen, mit Freunden, Verwandten, Kollegen und Bekannten, wir trafen Gleichgesinnte im Urlaub, auf Informationsveranstaltungen und Tagungen.

Auf diesen Wegen trafen wir auch mutige Exemplare unserer Elterngeneration und weitsichtige Vertreter der Folgegeneration, junge Eltern mit kleinen Kindern, die alle unsere Einschätzung bestätigten: Unsere Gesellschaft ist dahin gekommen, dass sich ein tiefer archaischer Wunsch wieder an die Oberfläche gearbeitet hat, der Wunsch nach gemeinschaftlichem Leben aller Generationen. Nach Miteinander statt Gegeneinander, nach Füreinander statt Nurfürsich. Und dieser archaische Wunsch paart sich heute mit der in den letzten Jahrzehnten gewachsenen Verantwortung für unsere Umwelt und Energiewirtschaft.

Im Laufe von sechzig Bausitzungen erlebten wir Meinungsverschiedenheiten, gelungene Dialoge und wir trafen gemeinsam schwierige Entscheidungen, begleitet von einer uns alle durchdringenden Gewissheit, dass unser Anliegen richtig war und verwirklichbar. Dadurch hatten wir genügend Gelegenheit, schon vor der Fertigstellung des Hauses eine verlässliche Vertrauensbasis und einen starken Zusammenhalt zu entwickeln. Unsere Gemeinschaft lebte und wuchs also schon lange vor dem Beginn des gemeinschaftlichen Lebens im Haus „Weitblick“.

Wir richteten unseren Blick hoch über den Tellerrand in die Weite. Wir wollten nicht nur für uns selbst, sondern auch über das Projekt hinaus die Lebensqualität erhöhen. Etwa durch die Vernetzung der Bedürfnisse und Ressourcen von Bewohnern, Umgebung, Kommune und sozialen Institutionen.

Und wir wollten das Ganze finanzieren können. Über zwei unserer BG-Mitglieder der älteren Generation, die ihrerseits schon zehn Jahre lang auf der Suche nach einem passenden Wohnprojekt gewesen waren und für die nur ein Passivhaus in Frage kam, wurden wir auf das Architektenpaar Rudolf mit seiner langjährigen, erfolgreichen und innovativen Arbeit auf diesem Gebiet aufmerksam. Dieses wiederum fand das Grundstück – bezahlbar und mit weitem Blick in die Landschaft – und legte den Plan für einen Bau vor, der all unseren Anliegen und Zukunftsideen vollkommen entsprach.

„Weitblick“ war unser Programm, wurde zu unserem Logo, zum Namen unseres Hauses, das unsere Wünsche nach günstiger und qualitativ hochwertiger Bau- und energetisch verantwortungsvoller Wohnkultur erfüllt, das uns eine geeignete Bühne schafft für das aktive, selbstgestaltete und gesellschaftlich vernetzte Leben, das wir anstreben.

Ja inzwischen sehen wir auch, dass es die Voraussetzungen dafür bietet, aus dem gesammelten Können und Wissen der Rentnergeneration eine geregelte bezahlte Tätigkeitenstruktur zu entwickeln, die auf kommunaler und letztlich gesamtgesellschaftlicher Ebene die Frage des schleichend entstandenen bezahlten Ehrenamtes löst.

Wir befanden uns in sehr unterschiedlichen finanziellen Situationen, so dass eine gemeinsame finanzielle Sicherung des Bauvorhabens auch schmalere Haushalte berücksichtigen musste. Es stellte sich heraus, dass wir den absoluten Glücksfall vorfanden: Die KSK Böblingen/Herrenberg hatte den richtigen Mann zur rechten Zeit am rechten Ort, der von unserer Idee überzeugt war und die zukunftsorientierten Möglichkeiten darin erkannte. Von ihm wurde auch noch jeder sehr vertrauenswirksam individuell beraten und fand auf diese Weise die für sich beste Lösung. Im „Weitblick“ haben sich nun Menschen aller Generationen als Familien, Paare, Wohngemeinschaften und Alleinwohnende zusammengefunden. In der Absicht, in großer Offenheit, Zugewandtheit und Teilhabe aneinander zu wohnen und ganz Neues auf die Beine zu stellen, so dass wir mit Zufriedenheit auf unser Leben und mit gutem Gefühl in die Augen der kommenden Generationen würden blicken können. Verglaste Türen geben den Blick ins Atrium frei und ermöglichen die Kontaktaufnahme in die Wohnungen hinein.

Diese ungewohnte Transparenz hat etwas Faszinierendes, birgt unbekannte Möglichkeiten, wird von manchen Bewohnern zunächst aber erst einmal sehr vorsichtig, von anderen dagegen frei genutzt. Freizeit- und Haushaltsbereiche sind auf Gemeinschaftsflächen und in Gemeinschaftsräume ausgelagert: Die Waschmaschinen, Tiefkühlschränke und die Werkstatt befinden sich im EG direkt neben dem Gemeinschaftsraum und der Gemeinschaftsküche, diese wiederum in unmittelbarer Nachbarschaft zum Atrium.

Hier, wie auch auf den breiten, zum Atrium offenen, den Wohnungen vorgelagerten Galerieflächen, und ebenso bei passendem Klima zu allen Tages- und Nachtzeiten auf der Dachterrasse, treffen wir uns bei alltäglichen Tätigkeiten und Gängen, zu geselligem Beisammensein und intensiven Gesprächen.

Kinder bauen ihre Spielzeuglandschaften und toben über die Ebenen. An Sitzecken liest jemand still in den von Einzelnen für die Gemeinschaft ausgelegten Zeitungen und Zeitschriften. Das Rascheln, oder der selbst aus den Wohnungen sichtbare Anblick, lockt jemanden aus der Tür und es kommt zum Austausch über das Gelesene oder auch ganz andere Themen, kontinuierlich umgeben von der unaufdringlichen, fast sanften Wärme des Hauses.

An einem der Fitnessgeräte, die über mehrere Stockwerke im Atrium verteilt sind, schuftet sich jemand schon morgens ganz früh ab. Wer es nicht sieht, bekommt nichts davon mit, denn in der Wohnung leben wir zwar mit gutem Sichtkontakt zur Hausinnenwelt und zur Außenwelt, aber äußerst schall- und wärmeisoliert. Das ist eine ungewohnte, interessante und mit großer Dankbarkeit erlebte Kombination. Wer keine Wetterstation in der Wohnung konsultieren kann, muss allerdings Fenster oder Tür ins Freie öffnen, um sich über die erforderliche Kleidung klar zu werden.

Ständig kommt es zu Einladungen oder Verabredungen. „Wandern am Samstag um 11“ hängt dann am Aushang, oder „Am Mittwoch gibt es bei mir Kürbissuppe, Whg.xy“. Wir vereinbaren Kaffeetreffen, Lese-, Spiele-, Chor-, Theater und Filmabende, Putzaktionen, Arbeitstreffen, wir veranstalten ein Frühstücksbrunch im Atrium am Wochenende – es weitet sich für einige zu einer ausführlicheren Informationsrunde aus über Fragen der Technik, der Kindererziehung, der Konflikte und deren Lösung am Arbeitsplatz, über persönliche Kompetenzen, die wir zur Verfügung stellen oder weitergeben möchten.

Die Kleinsten erweitern bereits ihren Vertrauensradius, machen sich immer intensiver mit den anderen Hausbewohnern bekannt, so dass, wenn nötig, jeder für sie da sein kann. Die etwas älteren Kinder erzählen frei heraus von Schulerlebnissen oder über ihre besonderen Interessen und Lebensfragen, gesellen sich auf dem Nachhauseweg zu einem zufällig den gleichen Weg nehmenden erwachsenen „Weitblicker“ und fachsimpeln mit ihm über die Vorgänge in der gegenüber liegenden Baugrube.

Die Jugendlichen brauchen etwas länger, denn sie grenzen sich ja gerade von allem ab, was nach Elterngeneration riecht. Sie brauchen das alles hier eigentlich gar nicht, sie brauchen – jedenfalls offiziell – nur ihren Freundeskreis. Erst im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass dieser und jener Erwachsene ja doch ganz „cool“ ist, man gut miteinander reden oder arbeiten oder im Atrium Tischtennis spielen kann.

Die Ältesten bringen mit ihrer Erfahrung und Bedächtigkeit wohltuende Entschleunigung in die Gemeinschaft, bilden einen Gegenpol zur Schnelllebigkeit unserer Zeit, zeigen einen Sinn für Praktisches, Gemütlichkeit, Geborgenheit, Ordnung und Ästhetik im Haus.

Alle zu regelnden Bereiche des häuslichen Lebens werden durch Bewohnergruppen gemanagt, so dass jeder seine besonderen Kompetenzen in die Gemeinschaft einbringen kann und jedem jederzeit geholfen werden kann. Es herrscht eine extrem kooperative Atmosphäre im Haus. Das Klima wärmt innerlich und äußerlich. Den eigenen besonderen Fähigkeiten entsprechend haben wir uns zu Arbeitsgruppen zusammengefügt: für die Verwaltung, Hausmeisterei, Bepflanzung und Begrünung, Außenkontakte, Kultur, Werkstatt, Planung Gemeinschaftsräume, Konfliktbearbeitung, Dokumentation, Technik.

Dies erweist sich schon als der Beginn der Austauschkultur, die für jeden im Haus einerseits eine Lebenserleichterung bringen soll sowie andererseits eine persönliche Stärkung. Und die gleichzeitig den Gemeinschaftssinn und das Vertrauen, aufgehoben zu sein, fördert. Seien es nun handwerkliche Herausforderungen, juristische, computertechnische, gärtnerische, buchhalterische, kräftemäßige, organisatorische, führungsmäßige, haustechnische, schulische oder solche der Schneiderei – immer findet sich mindestens eine Person im Haus, die mit Rat und Tat zur Stelle ist. Zudem findet man in der Werkstatt nahezu jedes Werkzeug, das ein gut ausgerüsteter Heimwerkerhaushalt bieten könnte, mehrfach vor, und kann sich dessen bedienen. Wenn wir wollen, stellen wir uns gegenseitig unsere Autos zur Verfügung, verallgemeinern unsere Waschmaschinen, Tiefkühlschränke, Heimtrainingsgeräte und Gartenmöbel.

Nachdem wir während der Bauphase entdeckt hatten, wieviel Kunst und Kultur sich da durch viele Einzelne in diesem Projekt versammeln würde, stand sehr schnell fest, dass wir einen Haus-Chor und ein Haus-Orchester gründen wollten. Zum Richtfest hatte sich dann schon ein auftrittsfähiger Weitblick-Chor gebildet und auch eine Generationen übergreifende Theatergruppe hatte in einigen Proben bereits vor Lachen fast unter den Stühlen gelegen, angesichts der slapstickartigen Szenen, deren Material aus dem Erfahrungsschatz der Bauherren beim „Weitblick“ stammte. Musikinstrumente erklingen von Jung und Alt an allen Ecken und Enden. Eine kleine Geigerin kommt zum spontanen Duett mit einer erfahrenen Klavierlehrerin zusammen, ein sehr junger Hornist findet es zum Lachen, dass man in seinem Instrumentenkoffer eine Trompete vermutet, und manchmal können die besten Schallschutzmaßnahmen nicht verhehlen, dass da ein jugendlicher Kraftüberschuss sein Schlagzeug bearbeitet. Zu festlichen Anlässen oder auch einer schlichten Hausversammlung gehören Stimmen und Instrumente genauso selbstverständlich dazu wie frei rezitierte – oft humorvolle – Gedichte und Sinnsprüche.

Wir haben die Vision, mit diesen künstlerischen Ressourcen und kulturellen Interessen sowie den räumlichen Möglichkeiten des Hauses öffentliche Veranstaltungen anbieten zu können. Ja, vielleicht eine Art kulturelles und Informations-Zentrum – mit Weitblick – am Bahnhof zu werden.

Ein weiterer Traum ist eine Hausbibliothek für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Zunächst beschränken wir uns auf die individuelle Weitergabe interessanter Medien, wertvoller und geliebter Bücher und auf gelegentliche Leseabende der unheilbar Literatursüchtigen. Denn wir stehen noch vor gewissen logistischen Hürden, die es zu überwinden gilt. Aber der Fundus an Literatur im Haus ist gewaltig.

Auch das versammelte Wissen im Haus ist enorm und der Wunsch, es weiter zu geben, groß. So kommt es zum Beispiel vor, dass ein Jugendlicher, dessen Schwerpunktfach es in der Schule ist, und ein Vertreter der älteren Generation in bewundernswerter Gleichberechtigung und klarer Verständlichkeit eine Informationsveranstaltung zum Thema Sicherheit am Computer durchführen. Oder ein alterfahrenes Mitglied des Projektes „Weitblick“ den Interessenten des Folgeprojektes „Stadtwerk“ beratend zur Seite steht.

Die Verwirklichung all unserer Ideen kann nur schrittweise vollzogen werden, zumal der Weg zum Ziel immer ein Teil des dynamischen Prozesses einer Weiterentwicklung ist. Das bedeutet eine permanente Erneuerung der (Teil-) Ziele, letztlich wird nie ein endgültiges Ziel erreicht. Es wird sich ihm nur genähert – die Verlebendigung der Forderung nach lebenslangem Lernen.

Eines dieser Teilziele soll ein hausinternes Grundnahrungsmittel-Depot sein, so dass die Bewohner im „Weitblick“ günstigere Großeinkäufe qualitativ hochwertigerer Nahrungsmittel tätigen können, wovon dann jeder einzelne Kleinverbraucher profitiert. Ähnlich beabsichtigen wir mit Haushalts- und Pflegedienstleistungen zu verfahren, wenn der Bedarf die von Mitbewohnern zu bewältigenden Aufgaben übersteigen sollte.

Diese Gedanken berühren bereits das Thema „Nebentätige“. Immer mehr alte Menschen bleiben länger in geistig und körperlich guter Verfassung. Sie möchten sich lange über das Rentenalter hinaus sinnvoll in die Gemeinschaft einbringen und auch in angemessener Weise dafür entlohnt werden.

Das sehen auch wir im „Weitblick“ auf uns zukommen. Wir könnten uns mit all unserem Know-how, unserer Erfahrung und Energie daranmachen, eine entsprechende Organisationsstruktur zu entwickeln, die diesen Markt der „Nebentätigen“ regelt, und die sich gut auf weitere gesellschaftliche Zusammenhänge übertragen lässt. Die wachsende Tendenz, ursprünglich unentgeltlich ausgeübte Ehrenämter immer häufiger in irgendeiner Weise zu bezahlen, zeigt uns, dass hier eine gesellschaftliche Notwendigkeit entstanden ist, der Rechnung getragen werden sollte. Was hier im „Weitblick“ und später sogar dezidierter im Quartier „Stadtwerk“ entwickelt und gepflegt werden wird, soll sich über die Häuser hinaus in die Gemeinde, die Region und noch weiter ausbreiten.“